Probeseiten zum Buch: Schlaganfall

Schreiben mit der linken Hand

Schreiben mit der linken Hand

Es handelt sich um einen autobiografischen Roman über meinen Schlaganfall

Ich würde mich über Reaktionen sehr freuen. Sei es in negativer oder positiver Form.
Auch mit der Kritik kann ich gut umgehen, dass würde mich nur noch besser in meiner Autorentätigkeit werden lassen.

Lob würde mich bestätigen und ich würde mich sehr freuen.
Bleibt gesund

 

Berthold Knabe

Berthold Knabe

 

Euer
Berthold

Der Tatortreiniger

Sonntag den 29. April 2012. Eine Woche noch, dann werde ich ausgezählt werden und ein neues Leben wird beginnen. Aber das ahnte ich noch nicht…

Ich stieg die Stufen des Dreimeterturms hoch und schaute auf die bläuliche Wasserfläche unter mir. Verzerrt konnte ich die schwarzen Markierungen am Grund des Beckens erkennen. Zumeist ältere Leute, vor allem Frauen, schwammen ihre Bahnen. Manche der Schwimmerinnen trugen Badehauben in den möglichsten und unmöglichsten Mustern. Blumenmuster vereinigten sich mit Äpfeln, Sonnen, Sternchen und Monden. Vereinzelt tummelten sich Jugendliche dazwischen, die vorsichtig und mit Abstand um die Älteren herumschwammen. Der Gedanke kam mir, dass sie Abstand nahmen, um den krallenbewerten Füßen aus dem Weg zu gehen. Aber das war nur so ein Gedanke.
Die Uhr am anderen Ende des Beckens zeigte auf 9:30 Uhr, und das städtische Hallenbad war um diese Zeit noch nicht allzu sehr frequentiert. Ich bevorzugte das morgendliche, sonntägliche Schwimmen, wenn die Besucherzahl überschaubar war. Wochentags fand ich doch keine Zeit für derlei Vergnügen. Meine Arbeit beanspruchte mich einfach zu sehr.
Ich bewegte mich zum Ende des Brettes und wippte mich einmal, zweimal in die Höhe, dann flog ich wie von einem Katapult losgeschossen durch die Luft. Im Fluge drehte ich mich und durchstieß mit dem Kopf voran die Wasseroberfläche. Der eineinhalbfache Salto gelang mir, wie in meiner Jugend.

Damals, als Teenager, war ich in einem Schwimmverein. Man attestierte für mich als Schwimmer eine gewisse Begabung. Trotzdem bin ich aber bald zum Boxsport übergewechselt. Der Grund zum Wechsel bestand aus dem Umstand, dass ich für mein Alter klein, schwächlich und schüchtern war, ich mich nicht zu wehren traute. Ich wurde als ideales Ziel von anderen Schülern als Prellbock ausgesucht. Wurde immer wieder verprügelt. Das änderte sich erst, als in meiner Stadt ein Boxverein etabliert wurde, in dem ich meine neue Heimat fand. Ich begann zu trainieren. Mein Selbstvertrauen wuchs mit der erlernten Technik, mit der ich mich in Auseinandersetzungen von den anderen Jugendlichen unterschied, und das bekamen auch recht bald diejenigen zu spüren, die mich bis dahin immer wieder drangsaliert hatten. Jetzt konnte ich den Spieß umdrehen und hatte dann meine Ruhe. Auch ältere Schüler begegneten mich bald mit Respekt. In der Schule und den Hinterhöfen unserer Bergbausiedlung konnte ich mich fortan mit harter Hand durchsetzen.

Mein großes Vorbild in jener Zeit war für mich ganz klar Muhammad Ali, den ich zu imitieren versuchte. Bald war ich so erfolgreich, dass ich an diversen nationalen Wettkämpfen teilnahm. Diese Sportart übte ich von meinem dreizehnten bis zum fünfundzwanzigsten Lebensjahr aus.
Je mehr ich Selbstvertrauen in mich fand, umso mehr formte sich auch mein politisches Bewusstsein. Ich war gegen den Vietnamkrieg, gegen alles Amerikanische und wurde von älteren Jugendlichen, meistens Studenten, initiiert an diversen militanten Aktionen mitzumachen. Ich wurde ein guter Steinewerfer, bei der manche Scheibe zu Bruch ging. Aber das ist alles schon lange her.
Was ich dem Sport aber wirklich zu verdanken habe, ist meine Existenz. Denn sehr viele Bekannte aus der Zeit, sind im Drogenmilieu abgedriftet und schon längst verstorben. Nur der Umstand, dass ich meinen Sport so nachgekommen bin, ließ mich, abgesehen von ein paar Joints, die Finger von dem Teufelszeug Drogen. Ich mied die harten Drogen wie der Teufel das Weihwasser. Und darum lebe ich noch.
Muhammad Ali ist für mich auch heute noch der bedeutsamste Schwergewichtsboxer und herausragendste Athlet des 20. Jahrhundert. Nicht nur als Sportler, sondern auch als Mensch. Mich hat sehr imponiert, wie er sich während des Vietnamkrieges den Militärdienst verweigerte, eingesperrt wurde, seinen Weltmeistertitel verlor, und wieder Weltmeister wurde. Ganz besonders imponierte er mich, wie er mit seiner Parkinson-Erkrankung umgegangen ist. Muhammad Ali ist für mich ein großer Mensch, ein Vorbild und ich verehre ihn sehr.

Nun habe ich die 56 überschritten. Aber mit dem einen oder anderen Jugendlichen konnte ich sportlich gesehen, wohl immer noch ganz gut mithalten.
Ich tauchte bis zur Mitte des Beckens inmitten der strampelnden Beine, tauchte auf und zog meine Bahnen.
In solchen Momenten konnte mich ich am besten von den Strapazen der Woche abschalten. Beim Angeln, meinem zweiten großen Hobby, oder eben wie hier beim Schwimmen, das ich sehr liebte.
Ich reflektierte die vergangenen zwei Wochen, die es in sich hatten. Als selbstständiger Schädlingsbekämpfer wurde meine Dienstleistung beansprucht, und ich fand außer sonntags, keine Gelegenheit zur Zerstreuung. Die Umschulung vor sieben Jahren zahlte sich nun endlich aus. Fünf Jahre hat es gedauert, bis ich mir einen gewissen Bekanntheitsgrad erarbeitet hatte. Seit zwei Jahren lief das Geschäft ganz gut. Ich war zufrieden. Vor allen Vertragskunden, wie Lagerhäuser, Bäckereien oder Restaurants, die einen Nachweis benötigten dass sie Schädlingsfrei waren oder wurden, je nachdem, waren meine Kunden. Diese Vertragskunden suchte ich in der Regel alle sechs Wochen auf. Also acht Begehungen im Jahr. Privatkunden kamen natürlich auch noch dazu. Neben dem Geschäft mit der Schädlingsbekämpfung machte ich auch in Sachen Dachstuhlsanierung. Hausbock und Holzwurm/Gemeiner Nagekäfer waren meine bevorzugten Gegner. Vor allen aber habe ich mich auf die Tatortreinigung spezialisiert. Hier war das meiste Geld zu verdienen. Radio- und Zeitungsinterviews taten ihr Übriges, um meine Dienstleistung über den lokalen Bereich bekanntzumachen. Meine Kompetenz wurde gefragt.
Was mir aber ein wenig Sorgen bereitete, auch wenn ich es mir nicht eingestehen wollte, war, dass meine Cousine, die Ärztin ist, bei einem Besuch bei mir Diabetes Typ 2 diagnostizierte. Bei der anschließenden Untersuchung durch meinen Hausarzt wurde das dann bestätigt. Und nicht nur das: „Herr Knabe“, sagte er, „was mir wirklich Sorgen bereitet ist ihr Blutdruck. Der liegt bei 180.“
Mein Arzt verschrieb mir gegen den hohen Blutdruck und den Diabetes Mittelchen, die ich aber regelmäßig vergaß einzunehmen. Denn, beides, die Diabetes und der Bluthochdruck tun ja nicht weh. Ich fühlte mich eigentlich ganz fit. Abgesehen von gelegentlichen Schwindelanfällen, denen ich aber auch keine große Bedeutung beimaß. Und außerdem hatte ich sogar an einer Diabetes-Schulung teilgenommen. Ich war also gut gegen alles Mögliche gewappnet. Was sollte mir schon groß passieren?

***

Die vergangenen zwei Wochen hatten es in sich. Eine Taubenabwehr war angesagt, die meinen Helfern Ralf, Jochen und mir alles abverlangte und uns kräftig in Atem hielt.
Ralf, Langzeitarbeitslos, etwas kleiner als ich mit einem Zigeunergesicht, dessen rotgeäderte Nase auf einen gewissen Weinkonsum schließen ließ, der aber während der Arbeit nicht trank. Seine hagere Gestalt ließ seine körperliche Kraft nicht erahnen. Jochen war wie ich Schädlingsbekämpfer, den ich bei verschiedenen Aufträge heranzog. Von Statur war er etwas rundlich, mittelgroß und trug eine Irokesenfrisur.
Aber mit der Taubenabwehr war es allein nicht getan. Der Auftraggeber wollte auch die Entfernung vom Taubenkot und eine Reinigung mit anschließender Desinfektion des Turms.
Als ich den Turm zum ersten Mal sah, musste ich unweigerlich an einem Phallus denken.
In einiger Entfernung von der Kirche ragte er weiß und modern bis in den Himmel. Oder fast. Ganz oben waren für die Durchlüftung oder für die Glockenakustik schmale Öffnungen eingelassen, durch die die Vögel bequem ins Innere gelangten.
Nachdem wir unsere blauen Ganzkörperschutzanzüge angezogen und die obligatorische Atemschutzmasken über die Kapuzen aufgesetzt hatten, ich nannte unsere Bekleidung „Kondome“, blaue Kondome, schloss ich die Tür auf und wir betraten das Innere des Turms.
Der Vorraum war mit einer fast zehn Zentimeter dicken, betonharten Hinterlassenschaft der Tauben bedeckt. Vollgeschissen waren auch ein altes verrostetes Fahrrad, eine Werkbank, die Werkzeugkiste, die hölzerne Treppe mit ihren 96 Stufen, die sich in engen Kurven nach oben schraubte, das Geländer und der Glockenbereich. Die Exkremente der langhalsigen Vögel hatten sich schon in die Materialen eingefressen.
Aber das schlimmste war, dass wir um den Eigenschutz nicht herumkamen und zur Sicherheit vor Krankheitserregern, die durch den aufgewirbelten Staub eingeatmet werden können, alle Arbeiten unter Vollschutz verrichten mussten. Mit Taubenkot ist nicht zu spaßen.
Aus materieller wie aus hygienischer Sicht gehört die Stadttaube auch nach Aussage des Bundesgesundheitsrates und des Infektionsschutzgesetz (IfSG) zur Gruppe der Schädlinge. Zu Recht! Denn aufgewirbelte Vogelexkremente, Gefiederreste und Tröpfcheninfektion können gefährliche Krankheiten von Tauben auf den Menschen sowie Haus- und Nutztiere übertragen werden. Das Fatale: Getrocknete Kotpartikel können die Raumluft kontaminieren und durch den Menschen eingeatmet werden.
Oben angekommen nahmen wir tief atmend kurz unsere Schutzmasken von unseren schweißüberströmten Gesichtern und schauten durch die Öffnungen auf die weite Landschaft, die sich unter uns eröffnete. Aber für die Panoramasicht hatten wir keine Muse. Zu erschöpft waren wir durch den Anstieg. Und das, obwohl wir noch gar nicht mit unserer Arbeit angefangen hatten. Die Schutzmaske behinderte uns und erschwerte freies Atmen.
„Na was meint ihr zu diesem Auftrag?“, schnaufte ich. Wieder einmal machte sich ein leichter Schwindelanfall bei mir bemerkbar. Ich stützte mich mit einer Hand an der Mauer ab. „Habe ich hier nicht eine tolle Freizeitbeschäftigung für uns gefunden?“
„Mann oh Mann, Mann oh Mann“, wiederholte Ralf und wischte sich den Schweiß mit dem Handschuh vom Gesicht. „Wenn ich das gewusst hätte, dann wäre ich zu Hause geblieben“.
Jochen gab zunächst keine Antwort, zeigte mir aber dann nur einen Vogel.
Na ja, dachte ich. Mit ihrer Kritik haben sie nicht ganz Unrecht. Dieser Auftrag versprach an eine gewisse Substanz zu gehen. Es gibt in meinem Beruf wahrlich angenehmere Momente, als das hier, treppauf und treppab zu ächzen und bis zu den Knöcheln in der Taubenscheiße zu stehen.
Noch am selben Tag fingen wir mit der sklavischen Schinderei an. Wir fingen die sich im Turm befindlichen Tauben ein, und beförderten sie mit dem Rat, bloß nicht wiederzukommen, ins Freie, dann verbarrikadierten wir die Einflugmöglicheiten der Vögel mit Folien. Der Kot musste mit Spachteln gelöst und in Beuteln verstaut werden. Wir achteten allerdings darauf, dass die Beutel nicht zu voll gefüllt wurden. Denn wer jemals mit Taubenexkremente zu tun gehabt hat, der weiß, wie schwer das Zeug ist. Die Beutel würden unweigerlich reißen. Ganz zu schweigen, von der Strapaze, diese die 96 Stufen herunterzutragen und unten in den bereitgestellten Container zu verstauen. Und dann ging es wieder die verfluchten 96 Stufen hinauf. Rauf und runter…, immer mit den blauen mit Scheiße gefüllten Säcken in den handschuhbewährten klammen Händen.
Alle drei Stunden mussten wir eine Pause einlegen. Wir hockten draußen auf die Treppe, rauchten und tranken unsere Sprudel, tranken und rauchten. Die Unterhaltung kam nur schleppend im Gang. Viel zu kaputt waren wir. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach, und der drehte sich um diesen beschissenen Auftrag. Aber wir haben ihn nun mal angenommen, und was wir begonnen hatten, führten wir auch bis zum Ende aus. Das war für uns eine Ehrensache. Aufgeben gab es nicht für uns. Außerdem war die Entlohnung überaus gut.
Dann ging die Schufterei wieder los. Wieder rauf und runter, wie die Sträflinge oder Sklaven im Altertum kamen wir uns vor. Nur, dass hatten wir uns selber ausgesucht.
Nach drei Tagen hatten wir den Turm vom schlimmsten befreit. Sauber war er trotzdem nicht. Noch lange nicht.
Jetzt ging es mit Drahtbürsten ans Werk. Die eingetrockneten Reste des Kots mussten noch entfernt werden. Stufe für Stufe, Geländer nicht vergessen. Immer noch unter Atemschutz. Wir fingen von oben mit dem Bürsten an, fegten den Staub in Schaufel und verstauten alles in die Säcke. Je näher wir nach unten kamen und dann, nach etwas mehr als einer Woche den Vorraum erreichten, war unsere Freude groß. Was waren wir erleichtert! Den größten Teil der Schinderei hatten wir erledigt.
Nachmittags fuhren wir zum nahegelegenen Kaufhaus und stärkten uns in der dazugehörigen Imbisskneipe, wo ich oft nach Feierabend zu verweilen pflegte, weil das Bier schmeckte und sich hier alle Klassenunterschiede aufhoben. So waren hier Angestellte und Selbstständige, mit denen ich mich geschäftlich austauschte, Beamte, die Hartz-IV-Empfänger sowieso, vertreten. Hier verwischten sich die gesellschaftlichen Strukturen, man duzte sich. Hier war ich bekannt.
Die Räumlichkeit bestand aus einer langen Verkaufstheke, einige Hocker davor, im Nichtraucherbereich einige Tische, Stühle, ebenso im Raucherbereich, wo wir uns an einer
U- förmigen Sitzbank setzten.
An den Wänden hingen zwei Geldspielautomaten in denen die zumeist Arbeitslosen ihr Obolus einwarfen, in der Hoffnung, dass die Geräte ihnen etwas ausschütten würden. Was auch manchmal gelang. Dann wurde der Gewinn wieder in flüssiger Nahrung gewechselt, der schnell in gespendeten Runden verschwand. So verhalfen sich manche der armen Schlucker zu Freundschaften, die aber ebenso schnell wieder außer Acht gelassen wurden, wie der Schnaps oder das Bier in den Kehlen verschwand. Dann konnte es schon manchmal recht heiß her gehen, in dieser kleinen Kaschemme. Streitereien waren an der Tagesordnung. Man pöbelte sich an, manchmal kam es auch zu Handgreiflichkeiten, und im nächsten Moment, wenn die nächste Runde geschmissen wurde, lagen sich die Kontrahenten doch wieder im Arm und spielten heile Welt. Der schwindsüchtige Wirt machte dabei immer einen guten Schnitt und seine aus Kasachstan stammende Bedienung, Tamara, hatte stets ein Lächeln auf den Lippen.

In der letzten Woche brachten wir das Netz zur Verhinderung des Einflugs der Vögel an.
Zuerst wurde an den Ecken der verspannten Öffnungen kräftige Haken eingeschraubt. Diese Haken trugen das gesamte Gewicht des Netzes. Dann wurden Ringschrauben an der Rahmenkonstruktion eingedreht und das Rahmenseil durch die Öffnungen geführt.
An den Ösenbolzen in den Ecken wurden jeweils auf der gegenüberliegenden Seite Spannschlösser eingehängt, woran das durch die Ringschrauben geführte Seil befestigt wird.
Das Netz wurde an jeder Masche mit Hilfe von Ringklammern verpresst. So kann das Eindringen der Tauben verhindert werden. Die Biester würden draußen bleiben und nach anderen Behausungen suchen müssen.
Zum Abschluss vernebelte ich den gesamten Turm mit einem Desinfektionsmittel aus meinem Turbo Sprayer.
Am nächsten Tag fand die Abnahme durch unseren Auftraggeber statt.
Ich glaube, so sauber, blitzblank, stand der Turm selbst bei seiner Errichtung nicht. Wir haben gute Arbeit im Schweiß unseres Angesichts geleistet.
Die Entlohnung war dann auch dementsprechend. Der Auftrag hatte sich also trotz der ganzen Schinderei für uns gelohnt. Auch wenn Ralf und Jochen manches Mal gestöhnt und gedroht hatten, einfach nach Hause zu gehen und mich im Stich zu lassen. Aber Ralf kenne ihn schon eine ganze Weile und war mir sicher, dass er mich nicht hätte hängen lassen. Ebenso konnte ich mich auf meinen Kollegen Jochen verlassen. „Ist ein gutes Training“, sagte er das eine oder andere Mal. Von mir war ich damals nicht ganz so überzeugt, denn dieser Auftrag brachte uns fast an unsere Grenzen.

***

Ich schwamm noch einige Bahnen. Dann ging ich in die Umkleidekabine, zog mich um, packte meine Sachen und begab mich zum Parkplatz, wo mein silberfarbener Renault Kangoo auf mich wartete.
Nach etwa achtzehn Kilometer Fahrt erreichte ich unser Heimatdorf, das in etwa zwanzig Kilometer Entfernung von Schwäbisch Hall liegt. Ich rollte langsam auf den Weg, der zu unseren Haus führte, und hielt vor der Garage.
Das doppelflügelige Tor mit dem Schild „Vorsicht bissiger Hund“ war wie immer verschlossen. Mit dem bissigen Hund war Coco gemeint. Coco war unser Pekinese. Hellbraunes Fell, ich sagte immer, er sei blond, mit schwarzer Schnauze und einer Rute, die hochaufgerichtet bis fast zum Kopf ragte und seine Dominanz gegen alles und jeden anzeigte. Wir hatten ihn vor zwei Jahren aus einem Tierheim geholt. Er war schon zwölf Jahre alt, aber er verstand es sein Alter mit Durchsetzungsvermögen zu kompensieren. Überall wo er sich aufhielt, war er der Boss. Sein Charakter verlieh im Selbstbewusstsein und er hatte einen gewissen Hang, seinen Willen durchzusetzen. Ich liebte diesen Hund, auch und vor allem wegen seiner Unbeherrschtheit, oder sollte ich sagen, wegen seiner Charakterstärke? Klein, aber Oho! Wie ich.
Niemand, auch wirklich niemand konnte unsere Wohnung betreten, ohne dass sich Coco in das Schuhwerk des Besuchers verbiss. Auch wenn dieser Jemand noch so oft zu uns kam. Das haben alle Freunde, Bekannte, Feinde, nicht Feinde und auch die aus der Familie schon zu spüren bekommen.

Quietschend öffnete sich der Seitenflügel des Tores und ich stand im Hof. Blumentröge am Nachbarzaun, ein Vogelfütterungskasten am Apfelbaum, rechts mein Lager in einer umgebauten Scheune untergebracht, geradeaus vor mir, das Wohnhaus unserer Vermieterin. Links davon unser Haus, dreistöckig, sechziger Jahre Stiel, mit einem Gemälde, dass ein Hirte mit seiner Schafherde zeigte und Bezug auf die Familie der Vermieterin zeugte, die mit Schafen zu tun hatte.
Unser Haus hatte zwei Eingänge. Einen, vom Hoftor aus gesehen, hatte vier Stufen und führte in einen Raum, den wir in der warmen Jahreszeit als allgemeinen Aufenthaltsraum nutzten. Tisch aus grobem Material, Eckbank, drei Stühle, Kühlschrank, dahinter eine über die gesamte Wand reichende Fensterfront mit Blick in die Vogelvoliere der Vermieterin. Wenn uns der Lärm und Umtrieb der Kanarienvögel, Papageien und Sittiche zu sehr auf den Geist ging, schlossen wir einfach die Rollladen und hatten dann unsere Ruhe. Rechts war die breite Fensterfront zum Hof. Im Winter, da der Raum nicht beheizt wurde, diente er als Vorratskammer. Verließ man den Raum, stand man in einer schmalen, langen Küche. Links ein eingebauter Herd mit Geschirrspüle, Einbauschränke, rechts noch ein Kühlschrank und noch mehr Einbauschränke. Geradeaus eine Tür, die in der wärmenden Zeit aber immer offen stand. Dahinter betrat man das Esszimmer. Wandvertäfelung, Zertifikate und Urkunden meiner Tätigkeit aufgehängt, großer Eichentisch, acht Stühle, auch aus Eiche, rechts eine Vitrine, wieder aus Eiche, in der wir unser bestes Geschirr aufbewahrten. In der Ecke ein Körbchen für Coco, wenn er sich hier tagsüber ausruhen wollte. Eine Tür, die zum Flur und zum anderen Eingang führte. Links ging es zum Raum, in dem der Ofen stand, den wir im Winter mit Holz und Kohle fütterten und der immer einen großen Appetit darauf hatte. Die Warmluft wurde durch Rohrleitungen in alle Räume weitergeleitet. Daneben stand die Gitterbox für den Holzvorrat, den wir abends füllten, eine Tür, drei Stufen abwärts und man stand im Bad mit der Dusche.
Wieder durch den Flur zur Eingangstür hin, befand sich eine Treppe, vierzehn Stufen hoch, ohne Geländer, und wenn man diese emporstieg, stand man vor meinem Arbeitszimmer. Kleiner Raum, Schreibtisch, mit dem Computer und dem Mikroskop zur Bestimmung von Insekten darauf, ein Telefon, Poster von Insekten an der einen Wand, großformatiges Foto von Ernesto Rafael Guevara de la Serna, genannt Che Guevara, mein anderes, politisches Idol aus meiner Jugend…
Wieder eine Tür und man erreichte das Wohnzimmer. Fernseher, Sofa, daneben eine Stehlampe mit gelben Schirm, Tisch, Wohnwand, Eingang zum Schlafzimmer mit Balkon, wo wir uns aber so gut wie nie aufhielten, französisches Bett, zwei Kommoden, Schrank und noch ein Körbchen für Coco, der bei uns nächtigte. Eine weitere Treppe führte zum ausgebauten und möblierten Dachboden. Hier hatten wir zwei Gästezimmer.
Der Holzschuppen befand sich neben meinem Lager ungefähr zehn Meter neben dem Wohnhaus entfernt. Im Herbst wurden 20 Festmeter Holz und eine Palette Brikett eingelagert. Der Ofen hatte einen gewaltigen Hunger! Das Lager bestand aus einem großen Raum mit Schränken, die gefüllt wurden mit diversen Chemikalien, Fallen, Mäuse- und Rattengifte, an der anderen Seite des Raumes standen mannshohe Regale mit Köderstationen, Arbeitsutensilien und Gerätschaften wie Kalt- und Heißvernebelungsgeräten.

Das also war der Ort, wo wir, Coco, meine Frau Vera und ich inmitten dieser 222 Seelen zählenden Einwohnerschaft seit vier Jahren lebten. Ein Dorf, zwischen Schwäbisch Hall und Crailsheim gelegen, konservativ bis in die Knochen. Wer hier nicht geboren war, gehörte nicht richtig hierhin. Man blieb ein „Reingeschmeckter“. Aber was soll´s, wir lebten hier und hatten uns im Ort trotzdem ganz gut akklimatisiert. In unserem Haus wie auch im dörflichen Leben. Glaubte ich…
Ich bin seit 1991 mit Vera zusammen. Sie ist elf Monate älter als ich. Das Alter sieht man ihr allerdings nicht an. Ihre zierliche Figur kommt nicht von irgendwo her. Immer in Bewegung. Ruhe ist für ihr ein Fremdwort. Immer hat sie etwas zu tun. Haushalt, Garten, und arbeiten geht sie auch noch. Braunes Haar, das ihr modisch bis zum Nacken reichte, hoch geschwungene Wangenkochen, das ihr die slawische Herkunft verriet, immer ein Lächeln auf den Lippen. Ein Blick in ihre dunkelbraunen Augen verübt auf mich dieselbe Faszination, wie vor 21 Jahren, als ich sie das erste Mal sah, und ich mich in sie verliebte. Sie war und ist meine Balkan Prinzessin.
Vera wurde als Kroatin im heutigen Bosnien geboren. Aufgewachsen ist sie mit acht Geschwistern in Serbien. In den frühen siebziger Jahren wurde sie von der Bundesrepublik Deutschland als Gastarbeiterin angeworben. Seit 1998 hat sie die deutsche Staatsbürgerschaft. Wer sie nach ihrer Herkunft fragte, erhielt die Antwort, sie sei als Jugoslawin geboren. Was ja auch stimmte. Die Nationalitätenfrage kam erst mit den sogenannten Balkankriegen auf. Ich habe ein Buch mit dem Titel „Nato-Kollateralschaden Jugoslawien“ geschrieben, das am Beispiel von Veras Familie über diese Problematik in Serbien während der Bombardierungen durch die Nato, die damalige Situation reflektiert.
Vera hat aus erster Ehe zwei Kinder. Slavica, 38, von ihrem Mann in Trennung lebend, hat zwei Kinder, Dana 18 und Marco 16 Jahre alt. Sie wohnen im hundert Kilometer entfernten Stuttgart. Zeljko, zwei Jahre jünger als seine Schwester, lebt in Ludwigsburg, etwa fünfundsechzig Kilometer von uns, und ist dort als Tierpfleger in einem Tierheim tätig. Zeljko arbeitete von Zeit zu Zeit für mich. Ich zog ihn immer heran, wenn es wirklich brenzlich war, wenn es um Arbeiten ging, worum man sich nicht unbedingt riss und ich kaum Hilfskräfte bekam. Bei einer Tatortreinigung zum Beispiel. Und natürlich, wenn er bei seinem dortigen Arbeitgeber frei bekam. Mit Zeljko verbindet mich viel. Auch im Boxsport haben wir unsere Interessen. So hat er mir und sich im letzten Jahr zum Geburtstag eine Kette mit einem Boxhandschuh als Medaillon mit einem eingefassten Brillanten zum Geschenk gemacht. Dafür wurde alter Goldschmuck, dass er vor langer Zeit von seinem Vater erhalten hat, eingeschmolzen und eine gewisse Summe von der Familie gesammelt. Seitdem trage ich diese Kette.
Vera und ich haben 1997 in Serbien im Kreise ihrer Großfamilie geheiratet, das seither meine zweite Heimat geworden ist. Ich mag die Mentalität der Menschen, die Kultur und die Küche. Ich liebe Balkangerichte und Vera ist eine vorzügliche Köchin, daher gehe ich auch nicht mehr in jugoslawische Restaurants, deren Gerichte mir zu sehr nach deutscher Zunge schmecken. Diese Speisen bekomme ich nun auch in original zu Hause, was man mir auch ansieht. Seit ich mit Vera zusammen bin, bin ich etwas auseinander gegangen. Habe also ziemlich zugenommen. Trotz der vielen Arbeit.
Unsere Urlaube haben wir jedes Jahr in Serbien bei ihrer Familie verbracht. Mit meiner Selbstständigkeit haben sich allerding die Prioritäten verschoben. Seit vier Jahren waren wir nicht mehr in Serbien. Keine Zeit. Kein Urlaub. Ich hatte nur den Aufbau meiner Firma im Kopf.
Zum Glück hat Vera Verständnis für meine Ideen und Planungen die Firma voranzubringen, und ist auch manchmal mit dabei, wenn ich einmal wirklich Hilfe benötige und schnell niemand zur Hand sein konnte. Wie die Sache mit den Pharaoameisen vor einigen Monaten:

Eine Wohnungsgesellschaft mit 48 Wohnungen, verteilt auf drei achtstöckige, nebeneinander stehende Objekte meldete sich. Ich fuhr hin, begutachtete den Fall, und nach einigen hin und her bekam ich den Auftrag die Bekämpfung durchzuführen, wofür wir alle vier Wochen, drei Monate lang, die sechzig Kilometer nach Heilbronn fuhren.
Die Bekämpfung von Pharaoameisen (Monomorium pharaonis) ist sehr anspruchsvoll, für die Betroffenen wie auch für den ausführenden Schädlingsbekämpfer. Um Erfolg zu haben, muss man folgendes wissen: Diese Ameisenart stammt ursprünglich aus Asien und wurde im 19. Jahrhundert in Europa eingeschleppt. Sie ist etwa 2 mm lang, also erheblich kleiner als andere Ameisenarten und ihre Färbung ist bernsteingelb. Die Nester ihrer Kolonien legt die Pharaoameise an gut versteckten Stellen im Mauerwerk an. Dabei wird die wärmste Stelle im Haus bevorzugt. Ein Nest enthält immer mehrere Königinnen. Die Pharaoameise kann in den gemäßigten Breiten nur an warmen Orten wie geheizten Räumen überleben, den Winter könnte sie nicht im Freien überleben. Befallen werden z.B. Krankenhäuser, Großküchen, Treibhäuser, Bäckereien und ähnliche Gebäude. Sie lebt auch in Privathaushalten und wird als Krankheitsüberträger angesehen. Die Pharaoameise ist ein Allesfresser. Von zucker- und stark eiweißhaltige Nahrung, ist so gut wie nichts vor ihr sicher. Ein verschlossener Kühlschrank stellt ebenso wenig ein Hindernis dar, wie ein einmal auf- und wieder verschraubtes Marmeladenglas. Die Pharaoameise kann in Krankenhäusern unter Wundverbände von Patienten kriechen, da sie von Blut und Eiter angelockt wird. Wegen ihrer geringen Größe und ihrer Vorliebe für Ritzen und Spalten kann sie zudem in medizinische Geräte wie Kanülen und Katheter eindringen und diese dadurch verunreinigen. Da sie auch Krankheiten übertragen kann, stellt die Pharaoameise ein ernstzunehmendes Problem in Krankenhäusern dar und wird deshalb bekämpft. Die Ameisen können auch in Computer eindringen, da sie durch die günstigen Temperaturen angelockt werden. Dort können sie Systemabstürze und Elektrobrände verursachen. Erst einmal in einem Objekt ansässig, verteilen sie sich über das Leitungssystem wie Heißwasserrohre, Strom- und Telefonleitungen von Etage zu Etage von Wohnung zu Wohnung. Bei diesem Gegner ist es normal, dass alle Räumlichkeiten eines Objektes in einer Bekämpfungsaktion mit einbezogen werden müssen. Und das macht es so schwierig, beim Kampf erfolgreich zu sei.
Die Schwierigkeit für uns bestand in erster Linie darin, die Bekämpfungsaktion mit den Bewohnern der Häuser zu koordinieren. Dass sich auch alle im betreffenden Zeitraum in ihren Wohnungen aufhielten. Das wir Zugang hatten. Das war nicht so einfach.
Daher legten wir unsere Arbeitstage immer auf samstags und sonntags und stimmten diese Zeiten mit der Hausverwaltung ab. An den Hauseingängen befestigte ich Verhaltensregeln wie z.B.: Keine Essensreste stehen zu lassen, gebrauchtes Geschirr abzuwaschen, nach Bedienung von Heißwasser, mit Kaltwasser die Rohrleitung runter zu kühlen, und vor allem, und das war äußerst wichtig, keine eigene Aktionen gegen die Biester vorzunehmen.

In jeder Wohnung verteilten wir Köderboxen mit einem Granulat, das gerne von den Ameisen angenommen wird, um es dann an die Königinnen weiter zu geben, die dann hoffentlich eliminiert werden können. Bevorzugte Plätze dafür waren über Steckdosen, Küche und Toiletten und Badezimmer. Entlang den Wänden wurden im Abstand von einem Meter Gelpunkte, auch ein Insektizid als Fraßköder, ausgebracht. Zu Hause hat Vera das Hantieren mit der Gelpistole geübt, und zeigte sich als gelehrige Schülerin. Sie verhielt sich so, als wenn sie in ihrem ganzen Leben nichts anderes getan hätte, als diesen Gegner den Garaus zu bereiten.
Während ich jeden Wohnungsinhaber zur Aufklärung etwas über die Biologie der Pharaoameisen und Verhaltensweise, wie auch der Köder erzählen musste, und die immer wieder gleichen Fragen beantwortete, zog Vera mit ihrer Gelpistole los und setzte die Gelpunkte, Meter für Meter, Raum für Raum, in allen 48 Wohnungen, zumeist in gebückter Haltung.

Als wir am Sonntag die letzte Wohnung aufsuchten, brachte ein Ereignis Vera etwas aus ihrem Gleichgewicht. Und das ihr, war sie doch sonst immer so besonnen.
Wir zogen auch hier, vor der Wohnungstür, unsere blauen Schuhüberzieher an und betätigten den Klingelknopf. Das Namensschild verriet die rumänische Herkunft der Bewohner.
Ein dunkelhaariger Mann um die dreißig öffnete uns. Er trug ein weißes T-Shirt, weiße Hosen und blaue Sandahlen. Er betrachtete uns mit einem merkwürdigen, starren Blick aus seinen braunen Augen, die mich etwas irritierten, und bat uns herein.
Am Tisch stand seine Frau. Etwas kleiner als ihr Mann. Sie trug eine Brille mit braunen, undurchsichtigen Gläsern, so dass man ihre Augen nicht sehen konnte. Auch sie hatte pechschwarzes Haar. Das schwarze Kleid fiel bis über die roten Sandahlen. Beiden war ihre südöstliche Herkunft anzusehen.
Während Vera ihre Gelpistole fertig machte und wie schon so oft zuvor an diesem zweiten Tag unserer Aktion, loslegen wollte, und ich im gewohnten Redefluss meinen x-mal wiederholten Text aufsagte, bemerkte ich einige der Ameisen, wie sie aus einer Steckdose und den Ritzen eines Heißwasserspenders krabbelten, und die Wand entlang liefen.
„Da, schauen Sie mal“, sagte ich, und deutete mit dem Finger auf die Viecher. „Da sind also unsere Freunde. Wo haben Sie noch welche gesehen?“
„Weiß nicht“, antwortete der Hausherr, während seine Frau den Kopf schüttelte und die Schultern hob. „Wir haben keine gesehen“.
„Aber sehen Sie doch, die winken uns ja fast zu“.
„Aber wir sehen die wirklich nicht“, antwortete die Frau.
Ich setzte gerade zu einer Erklärung an und wollte wieder einmal meinen Spruch über das Problem von Pharaoameisen im Allgemeinen loswerden, so wie ich es an diesem Tag schon zuvor vor so vielen Leuten auch schon tat. Ich redete mir mein Maul fusselig, und übersah in meinem Redefluss die Zeichen die mir Vera gab, und mit denen sie mir irgendwas signalisieren wollte.
Dann endlich, mitten im meinem Satz, wo ich so richtig in Fahrt kam, stand sie plötzlich vor mir, kam ganz nahe an mich ran und flüsterte mir ins Ohr. „Du, die können dich nicht sehen“.
„Wie? Was ? Die können mich nicht sehen?“, fragte ich irritiert zurück.
„Ja“, sagte das Ehepaar und schüttelten sich vor Lachen, in das Vera einfiel. „Wir können das, worüber Sie uns so ausführlich unterrichtet haben, nicht sehen, weil wir Blind sind“.
Ich war sprachlos, mir blieb die Spucke weg. Das war mir peinlich. Wie konnte ich sowas nur übersehen haben.
Nach unserer Arbeit luden uns die zwei noch auf einen Kaffee ein, den wir dankbar annahmen.
Nach drei Monate, vor vier Wochen also, hatten wir unsere Arbeit erfolgreich beendet. Es tauchten keine Pharaoameisen mehr auf. Die drei Objekte waren von diesen Biestern befreit worden. Hoffentlich bleibt das auch so. Ich wünschte es diesen freundlichen Bewohnern aus Heilbronn.
Das war also unser Auftrag mit den Pharaoameisen den wir im April beendet hatten. Dazu kamen noch Ratten, Mäuse, eine Bettwanzengeschichte und meine Vertragskunden. Nicht zu vergessen, die Taubenabwehr. Ein sattes Programm, Langeweile hatte ich bestimmt nicht.

Ich öffnete die Tür zum Vordereingang, betrachtete die Vögel in der Voliere und wäre beinahe über ein blondes Fellbüschel gestolpert, das zwischen meinen Beinen umher wuselte, und dann laut zu bellen anfing.
Ich setzte meine Tasche mit den Badesachen auf den Boden ab, und musste erst einmal Coco begrüßen, was in der Regel fünf Minuten dauern konnte, bis er von der Begrüßungszeremonie zufrieden mit wedelnden Schwanz, und laut bellend vor mir her sprang.
Im Esszimmer war Vera gerade dabei den Tisch für das Mittagsessen zu decken. Als ich sie umarmte und einen Kuss geben wollte, bemerkte ich sofort, dass sie mir etwas sagen wollte.
„Wie war das Schwimmen?“, fragte sie und schob gleich hinterher. „Du hast einen Anruf bekommen. Gerade, als du das Haus verlassen hast. Hörte sich ziemlich wichtig an.“
„Oh nein! Nicht heute. Heute nicht!“, sagte ich genervt. Meine gute Laune erhielt einen leichten Dämpfer. Doch dann wurde ich neugierig. „Was hat der denn gewollt?“
„Das kann ich dir nicht sagen. Aber es hörte sich ziemlich wichtig an. Der Anruf kam von einem Beerdigungsinstitut Stahl. Du sollst ihn noch heute zurückrufen. Hörte sich wirklich dringend an.“
„Das mit dem zurückrufen, das hat auch Zeit bis nach dem Essen.“
Nach dem Essen rief ich das Beerdigungsinstitut an. Und was ich da zu hören bekam, das hörte sich nicht gut an. Gar nicht gut.
„Erst einmal vielen Dank, Herr Knabe, dass Sie anrufen. Und es tut mir schrecklich Leid, Sie am Sonntag zu belästigen. Aber ich benötige Ihre Hilfe. Wenn es nicht so dringend wäre, würde ich auch nicht anrufen.“

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