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Hier auf meiner Autorenseite bekommen Sie einen

ersten Eindruck von mir und meiner Tätigkeit als Autor.

Liebe Leserinnen und Leser, jetzt ist „Ausgezählt-Diagnose:Schlaganfall“ im Buchhandel, BoD und Amazon erhältlich und ich freue mich riesig, dass euch mein Buch so gut gefällt!

Hier Klicken: Berthold Knabe – Facebook (mit Hinweisen, die nicht auf der Homepage stehen)

 

www.bertholdknabe.de

Ausgezählt-Diagnose:Schlaganfall

Wie ich trotz Halbseitenlähmung das Schwimmen erlernte

Der Schlaganfall zählt zu den häufigsten Todesursachen weltweit. Alle drei Minuten hat in Deutschland ein Mensch einen Schlaganfall. Alle neun Minuten stirbt jemand an den Folgen.

In Baden Württemberg erkranken ca. 40.000 Menschen, in Deutschland über 250.000. Und das jedes Jahr!

(Quelle: Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe)

 

Ein Schlaganfall trifft einen wie die Faust beim Boxen aufs Kinn, man fällt um.

Ich habe lange überlegt, ob ich ein Buch über Schlaganfall, meinen Schlaganfall schreiben soll.

Aus Gesprächen mit vielen anderen Betroffenen weiß ich, dass die meisten, die ein solches Schicksal erleben mussten, oft vor vollendeten Tatsachen stehen. Sie sind traumatisiert, hilflos und sind mutlos. Sie mauern sich ein und nehmen am gesellschaftlichen Leben nicht mehr teil.

Angehörige und Freunde fühlen sich oft überfordert. Ich hoffe, dass dieses Buch anderen Betroffenen eine Hilfe sein kann, mit den Anforderungen, die solch ein Ereignis wie ein Schlaganfall mit sich bringt, besser klarzukommen.

Es gibt auch ein Leben nach dem Schlaganfall, ein Leben, das lebenswert ist.

Ich bin rechts halbseitengelähmt und habe aus meiner Erfahrung mit dem Schlaganfall dieses Buch mit drei Fingern meiner linken Hand geschrieben.

Das ist meine Geschichte.

„Ausgezählt-Diagnose:Schlaganfall“. ISBN Nr. 978-3-7460-8821-1

Leseprobe:

Das Leben des 56-jährigen Schädlingsbekämpfers und Tatortreinigers schien perfekt.
Er glaubte sich auf der Überholspur. Was für ihn zählte, war der Aufbau seiner Firma. Seine knappe Freizeit reichte gerade noch, um ab und zu zum Schwimmen zu gehen. Dann, urplötzlich, wurde er im Mai des Jahres 2012 vom Schlaganfall ausgebremst. Er wurde – wie beim Boxen – „ausgezählt“. Berthold verlor die Kontrolle über seine rechte Körperseite.
Er konnte nicht mehr laufen und war auf den Rollstuhl angewiesen. Er war nicht mehr in der Lage zu sprechen und damit ohne Austausch mit anderen. Dazu kamen finanzielle, existenzbedrohende Probleme, die er nur mit Widersprüchen und Klagen vor Gerichten lösen konnte. Aber er gab nie auf!
Trotz Halbseitenlähmung gelang es ihm, das Schwimmen wieder zu erlernen!
Vielleicht hatte er diese Einstellung – niemals aufzugeben – aus dem Boxsport übernommen, der Leidenschaft aus seiner Jugendzeit …

Für meine Frau Vera,
die wichtigste Person in
meinem Leben

Inhaltsverzeichnis

Über den Autor 9
Vorwort I: Dr. med. Christiane Strohbach 10
Vorwort II: Berthold Knabe 13
Stroke Unit 15
Der Tatortreiniger 33
Ausgezählt – Die Station 80
1.Reha – Bad Windsheim 134
Der Proband 163
Die Heimkehr 216
Leo 237
Der MDK 249
2.Reha – Stöckenhöfe, Wittnau 277
Der Gutachter 308
Umzug 332
Das Sozialgericht 351
Mein Novi Sad 366
Schwimmen trotz Halbseitenlähmung 395
Schlusswort 402
Danksagung 404
Bildteil 406

Stroke Unit

Montag, der 7. Mai. Der Tag, an dem ich vom Schicksal ausgezählt wurde. Der Tag, an dem sich mein ganzes Leben veränderte. Nichts würde mehr so sein, wie es bis zu diesem Tag so selbstverständlich war, als ich meinem Beruf als selbständiger Schädlingsbekämpfer und Tatortreiniger nachging.

Ich stand wie gewöhnlich, wenn keine Schädlingsbekämpfungseinsätze auf dem Tagesplan standen, gegen 6:30 Uhr auf. Vera war um diese Zeit schon auf der Arbeit und würde gegen 16:30 Uhr zurückkommen.

Draußen schien die Sonne und es versprach, ein schöner Tag zu werden. Trotzdem war es mir kalt. Noch kälter erschien es mir, als ich mit Coco unseren morgendlichen Spaziergang unternahm. Wir gingen den schmalen Weg, der neben einem Bach bis zu einer Weide führte, auf der die kleine Rinderherde eines Nachbarn weidete. Auf der gegenüberliegenden umzäunten Weide blökten uns zur Begrüßung einige Schafe zu, die unserer Vermieterin gehörten. Ich ging langsam, damit Coco in seinem betagten Alter von zwölf Jahren auch folgen konnte.

An einer Weggabelung parkte ein dunkelrotes Auto, das unserer Freundin Ilse gehörte. Ich ging darauf zu und sah, dass sie wieder einmal Brot für die Raben und Krähen, die hier regelmäßig vorbeiflogen, auslegte.

„Na, ihr zwei“, begrüßte sie mich mit einem breiten Lächeln, „ihr seid ja auch schon unterwegs. Hast du heute Ruhetag?“

„Nö, Ruhetag wäre schön. Heute ist Büroarbeit angesagt und die Arbeit hasse ich. Und du, fütterst wieder deine Vögel, wie ich sehe.“

„Einer muss es ja tun“, sagte sie achselzuckend.

Ilse war im ganzen Dorf dafür bekannt, dass sie ein Herz für Tiere aller Art hatte. Das wusste auch Coco, der sie so sehr liebte, dass sie die einzige Person war, die er ungestraft, ohne sich ins Schuhwerk zu verbeißen, ins Haus ließ.

„Sag mal, Ilse, ist dir auch so kalt?“

„Wieso? Ist doch nicht kalt“; lachte sie und sah mich etwas verwundert an.

Aber mir war es wirklich kalt. Und diese Kälte schien aus meinem Inneren zu kommen. Hoffentlich habe ich mir keine Erkältung zugezogen, dachte ich.

Das Erste, was ich tat, als Coco und ich ins Haus zurückkamen, war, den Ofen zu befeuern. Dann gab ich ihm etwas zu „essen“. Ja, dieser Hund fraß nicht. Dafür war er zu zivilisiert. Er aß! Anschließend bereitete ich mir mein Frühstück, setzte den obligatorischen Kaffee auf und las die Regionalzeitung.

In der Zwischenzeit wurde es mollig warm im Haus und die Büroarbeit, die ich schon lange vernachlässigt hatte, konnte beginnen. Für heute hatte ich bewusst keine Aufträge angenommen, denn diese Arbeit musste unbedingt erledigt werden. So war ich den ganzen Vormittag und sogar noch am Nachmittag damit beschäftigt, Rechnungen zu schreiben und Telefonate zu führen. Am morgigen Dienstag und Mittwoch plante ich, die Lagerhäuser eines Vertragskunden zu inspizieren und nach Mannheim zu fahren. Donnerstag war eine große Reismehlmühle an der Reihe, die sich ebenfalls im Raum Mannheim befand. Und am Freitag wollte ich mir beim Hausarzt die Fäden aus meinem Bein ziehen lassen. Dann könnte ich endlich wieder das Wochenende nutzen, ins Hallenbad zum Schwimmen zu gehen. Vielleicht geht Vera dann mit, überlegte ich. Oder ich fahre wieder einmal zum Angeln, das ich schon eine ganze Weile vernachlässigt hatte. Vielleicht würde ich mich auch mit den einen oder anderen des Vereins zum Plausch treffen.

Gegen 16 Uhr wurde Coco unruhig und er begann zu bellen. Der Pekinese wusste ganz genau, wann das Frauchen von der Arbeit nach Hause kam. Auch wenn er sich regelmäßig um eine halbe Stunde in der Uhrzeit vertat. So genau nahm er die Zeit nicht.

Ich ging die Treppe hinunter und gemeinsam mit ihm trat ich vor die Tür, wo wir auf Vera warteten, die gegen 16:30 Uhr ankam.

Erst nachdem sie Coco ausgiebig begrüßt hatte, fand sie Zeit für mich.

„Puah“, sagte sie, als sie die Wohnung betrat. „Ist das hier eine Hitze. Wie viel Grad sind das hier? Und warum hast du den Ofen bei dem Wetter überhaupt an?“

Das Thermometer an der Wand im Esszimmer zeigte 30 Grad Celsius. Aber das kam mir gar nicht so warm vor. Nach wie vor war es mir unangenehm kühl.

„Weil es mir kalt ist. Darum habe ich den Ofen angemacht.“

Vera schüttelte nur den Kopf und öffnete die Fenster, damit frische Luft hereinkam. Dann setzten wir uns an den Esstisch und tranken den Kaffee, den ich zuvor aufgesetzt hatte.

Sie erzählte von ihrem Arbeitstag und ich von meiner Bürotätigkeit, aber darüber gab es nicht viel zu berichten.

„Was hast du morgen vor?“, fragte sie.

„Morgen geht’s nach Mannheim, die Lagerhäuser warten auf mich.“

„Sind die sechs Wochen schon wieder um, seit du das letzte Mal da warst?“

„Lja, de Scheit is snell rumjeja“…, ich stockte. Was war das denn? Warum kamen die Worte so verwaschen über meine Lippen. Gleichzeitig wurde mir schwindelig. Nicht sehr, sondern so, als wenn ich ein paar Glas Wein getrunken hätte.

Vera schaute mich vorwurfsvoll an. „Habe ich irgendwas verpasst? Du wirst doch wohl nicht etwa getrunken haben?“

„Nein, das habe ich bestimmt nicht“, sagte ich diesmal mit klar verständlicher Stimme. Auch der Schwindelanfall war verschwunden. „Weißt du was, ich werde mich etwas hinlegen, mich ausruhen. Vielleicht war es in letzter Zeit etwas zu viel.“

„Ja, mach das. Ich bereite schon einmal das Essen vor“, sagte sie mit unsicherer Stimme und ihr Blick hatte einen sorgenvollen Ausdruck.

Verwirrt und gedankenverloren stieg ich die vierzehn Stufen nach oben, betrat das Wohnzimmer und setzte mich auf die Couch. Was war das vorhin? Wieso lallte ich plötzlich wie ein Betrunkener? Und woher rührte der plötzliche Schwindelanfall? Fragen über Fragen, auf die ich keine Antworten fand.

Schwindelanfälle hatte ich in letzter Zeit schon des öfteren gehabt, aber nicht so wie eben. Und Sprachstörungen kannte ich bisher überhaupt noch nicht. Komisch dachte ich. Ich bin wohl überarbeitet. Urlaub brauchte ich, stellte ich für mich fest.

Ich zog noch einen Zug an meiner Zigarette, löschte die Glut im Aschenbecher, schaltete den Fernseher ein und legte mich auf die linke Seite.

Der Nachrichtensender N24 ließ verlauten, dass bei einem US-Drohnenangriff das al-Qaida-Führungsmitglied Fahd al-Quso getötet worden ist. Al-Quso war im Mai 2003 von den USA wegen des Terrorangriffs auf das Kriegsschiff USS Cole angeklagt worden. Dann die Meldung, dass das rumänische Parlament mit deutlicher Mehrheit den Sozialdemokraten Victor Ponta zum neuen Ministerpräsidenten gewählt hatte. Anschließend wurde über die gestrige Landtagswahl in Schleswig-Holstein berichtet, nach der die CDU und die SPD nahezu gleichauf lagen.

Nachdem ich die Nachrichten ohne großes Interesse verfolgt hatte, zappte ich noch eine Weile mit der Fernbedienung zu den anderen Sendern, wo es aber auch nichts Interessantes zu sehen gab. Ich schloss die Augen und dachte darüber nach, was ich in der letzten Zeit alles an Arbeit erledigt hatte und was mich nächste Woche noch erwarten würde.

Als ich so ungefähr eine halbe Stunde vor mich hingedöst hatte, und begann, nicht mehr an das Ereignis mit meinem Schwindelanfall und die Sprachstörung zu denken, wollte ich mich aufrichten, um nach unten zu Vera gehen.

Doch, was war das? Ich konnte mich nicht bewegen! Mich nicht aufsetzen! Der Arm lag kraftlos, leblos, wie ein Stück Holz an meiner Seite, und auch das Bein war zu keiner Regung fähig und ruhte wie tot auf der Couch. Ich konnte nicht einmal den kleinen Finger und die Zehen bewegen. Die rechte Seite war bewegungsunfähig und fühlte sich komisch an. So als wenn meine Extremitäten mit Blei gefüllt wären. Ich verspürte ein Kribbeln im Mundbereich und merkte, wie die Lippen rechts herunterhingen. Ich war hilflos. Eingebunden in einen Körper, der nicht mehr zu mir gehörte.

Es fällt mir schwer, zu beschreiben was ich empfand. Aber ich kam mir irgendwie schwerelos vor. Ganz ohne Schmerzen, hatte nur ein merkwürdiges Gefühl, das meine rechte Seite überströmte, vom Gesicht bis hinunter zu den Zehen. Mir kam es vor, als wenn ich von einer dicken Watteschicht umhüllt wäre. Panik kam in mir auf. Ich war nicht fähig, in diesem Moment an irgendetwas zu denken. Ich konnte meine Situation nicht einschätzen.

Ich versuchte mich aufzusetzen, wieder und wieder, mit dem Ergebnis, dass ich schweißnass auf das Kissen zurück sank. Nun wurde mir mit einem Mal klar, dass ich einen Schlaganfall bekommen habe. Diese Erkenntnis kam spontan, und ich geriet noch mehr in Panik. Schlagartig wurde mir bewusst, was es bedeutet, existentielle Todesangst zu haben. Das hatte ich zuvor in meinem Leben so noch nie erlebt. So eine Angst, die mich förmlich auffraß, war mir bisher unbekannt. Die Hilflosigkeit, in der ich mich urplötzlich befand, war schockierend und verstärkte meine Panik, die mich überwältigte wie ein Tsunami.

Und das mir, der eigentlich vor nichts und niemandem Furcht verspürte.

Ich begann nach meiner Frau zu rufen. Doch außer einem gutturalen Ton, der leise aus meinem Mund gurgelte, brachte ich nichts weiter hervor, als ein undefinierbares Stöhnen. Ich versuchte es wieder und wieder, nach meiner Frau zu rufen. Doch es ging einfach nicht! Ich war nicht fähig, einen zusammenhängenden Satz von mir zu geben. Dann gab ich es auf! Vera würde unten in der Küche nichts von mir hören. Und meine Angst, meine Panik wuchs ins Unermessliche.

Dann endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, hörte ich Vera die Stufen der Treppe hinaufkommen.

***

    Als ich von der Arbeit nach Hause kam, fiel mir als Erstes auf, was für eine Bruthitze in der Wohnung herrschte. 30 Grad! Das verwunderte mich schon sehr, da es draußen überhaupt nicht kalt war. Die Sonne schien und es herrschte ein strahlend blauer Himmel. Später, als ich mich mit Berti unterhalten habe, wurde ich stutzig, als er plötzlich so undeutlich sprach. Es hörte sich für mich so an, als ob er zu viel Alkohol getrunken hätte. Aber das wäre ganz gegen seine Gewohnheiten gewesen. Bei Feierlichkeiten, ja klar, da konnte es schon einmal passieren, dass er sich in gute Stimmung brachte. Aber so, wochentags und ganz ohne Grund? Das war schon merkwürdig.

Nach ungefähr einer halben Stunde, nachdem Berti sich nach oben ins Wohnzimmer begeben hatte, wollte ich ihm einen Kaffee bringen.

Als ich das Zimmer betrat, bekam ich einen Schock, als ich ihn da so liegen sah. Sein Gesicht war ganz schief. Die Augen in Panik weit aufgerissen, der Mund auf die rechte Seite verzogen. Er versuchte etwas zu sagen, aber mehr als Gestammel, undeutliche Wortfetzen, kamen nicht über seine Lippen. Ich beugte mich über ihn, um besser verstehen zu können. Dann begriff ich, was er mir sagen wollte: „Schlaganfall“, stöhnte er und dass ich einen Krankenwagen benachrichtigen sollte.

Ich stellte die Tasse Kaffee auf dem Tisch ab und rannte so schnell ich konnte nach unten. Dabei übersah ich fast Coco, der neugierig an der Tür stand. Nicht darauf achtend stürzte ich zum Telefon und wählte die 112. Ich schilderte der Leitzentrale kurz Bertis Zustand, legte auf und rannte wieder nach oben. Aber die Situation war unverändert. Nach wie vor lag Berti bewegungsunfähig mit schiefem Mund und mit geweiteten Augen auf der Couch.

Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Doch mir war klar, dass er ins Krankenhaus käme. Also fing ich an, die nötigsten Sachen für ihn in eine Tasche zu packen. Anschließend ging ich nach unten und wartete auf den Krankenwagen.

(Ehefrau Vera)

***

Als ich Vera nach unten laufen hörte, begann das taube Gefühl in meinem Gesicht nachzulassen. Die Watte, die meine rechte Seite umhüllte, begann sich zu lösen. Ich versuchte, mich noch einmal aufzurichten. Und diesmal klappte es. Ich konnte mich hinsetzen, zog mir die Sportschuhe an, ging zur Tür und dann die Treppe hinunter durch das Esszimmer zum Vorraum. Hier setzte ich mich auf die Eckbank und zündete mir eine Marlboro an.

Ist schon merkwürdig dachte ich und streichelte dabei Coco, der sich an mein Bein schmiegte, aufgeregt jaulte und die Hand leckte, als wenn er etwas vom Vorfall mitbekommen hätte und mich trösten wollte. Als wenn er spürte, dass wir uns für eine sehr lange Zeit nicht mehr sehen würden. Eben lag ich noch zu völliger Bewegungsunfähigkeit verdammt auf dem Sofa, und jetzt konnte ich die Treppe hinuntergehen, als wenn das alles nur ein Alptraum gewesen wäre.

Ich hatte nur ein paar Züge von meiner Zigarette inhaliert, als auch schon Vera vor mir stand, und mir den Glimmstängel aus der Hand nahm und im Aschenbecher vor mir ausdrückte. „Du spinnst doch wohl!“, sagte sie, missbilligend mit dem Kopf schüttelnd und in einem Tonfall, der keinen Widerspruch zuließ, „du kannst doch jetzt nicht rauchen, in deinem Zustand und überhaupt, der Krankenwagen wird jeden Moment kommen.“

Kaum hatte sie das gesagt, da hörten wir auch schon das Martinshorn. Sekunden später sahen wir das Blaulicht. Vor dem Tor hielt der Wagen an, zwei Rettungsassistenten stiegen aus und Vera führte sie ins Haus.

Damit man sich ungestört um mich kümmern konnte, war Coco sicherheitshalber ins Esszimmer gesperrt worden. Der Arzt, der nach dem Ambulanzwagen gekommen war, prüfte meinen Blutdruck. Ich schaute derweil auf die Wanduhr. Sie zeigte genau 17:30 Uhr an. Erst sehr viel später habe ich erfahren, dass der Rettungsdienst für die Strecke von 15 Kilometern von Crailsheim bis hierher, 11 Minuten benötigte. Das war eine enorme Leistung.

„Hm“, meinte der Arzt und eine Sorgenfalte bildete sich auf seiner Stirn. „Der Blutdruck ist bei 200/97 und das ist viel zu hoch.“

„Wie hoch dürfte er denn sein?“, fragte ich.

„Der sollte 140/80 nicht überschreiten!“

Nach dem Blutdruckmessen überprüfte der Arzt mein Gesicht und meine Glieder auf Taubheit und ob ich Gefühl im rechten Arm und Handrücken habe. Er führte einen Stift zum Test der Augen von links nach rechts. Dann stellte er Fragen, die auf mich äußerst befremdlich wirkten. Ich kam mir vor, als wenn ich nicht ganz zurechnungsfähig wäre. Er fragte mich zum Beispiel, welchen Tag wir heute hätten, nach dem Datum, wie ich heiße oder wer Bundeskanzler sei. Widerwillig beantwortete ich die gestellten Fragen.

Plötzlich merkte ich ein leichtes Kribbeln vom Gesicht die rechte Seite herunterwandern. Die Lähmung machte sich wieder bemerkbar, und bald konnte ich weder sprechen noch mich bewegen.

Natürlich konnte ich der Aufforderung, den rechten Arm und das Bein zu heben, nicht nachkommen. Was der Arzt genau zu mir und den Rettungsassistenten sagte, daran kann ich mich nur sehr undeutlich erinnern. Wie durch Watte erreichten mich ihre Worte, doch verstehen konnte ich sie nicht. Aber die Wörter Stroke Unit und Schwäbisch Hall habe ich dennoch im Bewusstsein.

Dann spürte ich, wie die Rettungsassistenten mich auf die Trage hoben.

Sie schnallten mich fest und rollten mich aus dem Zimmer zum Fahrzeug, in das sie mich hineinschoben. Das Letzte, was ich von meiner vertrauten Umgebung mitnahm, war das verzweifelte Bellen und Jaulen von Coco, der offensichtlich mitbekam, wie es um mich stand.

Ausgezählt – Diagnose: Schlaganfall

Viel Spass beim Lesen!

Passt auf euch auf!

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